Eine Denkschrift zur Zukunft der Berliner Feuerwehr
Berlin wächst. Die Gefahr wächst mit.
558.293 Einsätze hat die Berliner Feuerwehr im Jahr 2025 bewältigt — ein Plus von 4,9 % gegenüber dem Vorjahr. Alle 56 Sekunden rückt ein Fahrzeug aus.¹ Die Stadt von morgen fährt mit der Infrastruktur von gestern.
Kapitel 1
Die Schere
Die Nachfrage nach Hilfe wächst Jahr für Jahr — die Infrastruktur, die sie leisten soll, wächst nicht mit. Das ist die Schere, die sich seit einem Jahrzehnt öffnet.¹
Das ist keine Personalklage. Es ist eine strukturelle Lücke — zwischen einer Metropole von morgen und einer Infrastruktur von gestern. Wer sie nicht schließt, entscheidet sich dafür, dass Hilfe später kommt.
Kapitel 2
Der Präzedenzfall
Im Januar 2026 legte ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke Teile des Berliner Südwestens lahm. Bis zu 100.000 Menschen waren betroffen; in Teilen von Steglitz-Zehlendorf blieb der Strom tagelang aus.³ Aufzüge standen still, Heizungen fielen aus, Pflegebedürftige waren von der Außenwelt abgeschnitten — und wer half vor Ort, koordinierte, evakuierte, beruhigte? Die Feuerwehr.
Es war nicht das erste Mal. Schon der Stromausfall in Köpenick 2019 hatte über 30 Stunden lang gezeigt, wie dünn die Decke der städtischen Daseinsvorsorge ist, wenn eine einzige Infrastruktur ausfällt.⁴ Damals wie 2026 galt: Die Feuerwehr ist das operative Rückgrat der urbanen Resilienz. Sie ist die Organisation, die noch funktioniert, wenn sonst nichts mehr funktioniert.
„Die Feuerwehr ist die Organisation, die noch funktioniert, wenn sonst nichts mehr funktioniert.“
Die Expertenkommission KRITIS Berlin hat aus diesen Ereignissen die Lehren gezogen und konkrete Strukturen vorgeschlagen.² Die Analyse liegt vor. Was fehlt, ist nicht Erkenntnis — es sind Finanzierung und Umsetzung.
Chief Resilience Officer
Eine zentrale Verantwortlichkeit auf Senatsebene, die Resilienz ressortübergreifend steuert statt sie zwischen Verwaltungen zu zersplittern.
Lage- und Krisenzentrum
Ein permanent besetztes Lagezentrum des Landes Berlin, das im Ereignisfall sofort führungsfähig ist — nicht erst nach Stunden improvisierter Stäbe.
Resilienzhubs
Stadtteilstützpunkte, die bei Ausfall kritischer Infrastruktur Anlaufstelle, Notstrom, Kommunikation und Erste Hilfe für die Bevölkerung bündeln.
Kiezbox 2.0
Dezentrale, autark funkende Notfall-Kommunikationsknoten im Kiez, die auch bei Strom- und Netzausfall den Kontakt zur Bevölkerung halten.
Kapitel 3
Sieben Forderungen
Aus den Daten der Einsatzchronik und den Lehren des Präzedenzfalls folgt eine konkrete Agenda. Sieben Punkte, adressiert an Senat und Abgeordnetenhaus.
Während die Zahl der Einsätze 2025 um 4,9 % auf 558.293 stieg, ist das Wachennetz seit Jahrzehnten nahezu unverändert. Wachstumsbezirke wie Pankow, Lichtenberg und Spandau brauchen neue Standorte, Bestandswachen einen verbindlichen Sanierungsfahrplan — sonst verfehlt Berlin seine Schutzziele dauerhaft.
Horizont: bis 2051Status: Nicht begonnenAlle 56 Sekunden ein Einsatz — das leistet Personal, nicht Beton. Eine verbindliche Einstellungs- und Ausbildungsoffensive für die Berufsfeuerwehr, kombiniert mit gezielter Stärkung der Freiwilligen Feuerwehren, ist die Voraussetzung dafür, dass neue Wachen überhaupt besetzt werden können.
Horizont: kurzfristigStatus: In Diskussion1.132.637 Notrufe im Jahr 2025 laufen über eine Leitstelle, die technisch an ihre Grenzen kommt. Die kooperative Leitstelle mit der Polizei, der Ausbau von Telenotarzt und Katretter entlasten das System messbar — jeder digital abgefangene Einsatz ist ein Fahrzeug, das für den Ernstfall frei bleibt.
Horizont: mittelfristigStatus: Teilweise begonnen142 Übergriffe und 328 Delikte gegen Einsatzkräfte allein 2025: Wer Menschen rettet, darf nicht selbst zum Ziel werden. Nötig sind konsequente Strafverfolgung, Bodycams, deeskalationsgeschulte Teams und ein klares politisches Signal, dass Angriffe auf Retterinnen und Retter Angriffe auf die Stadt sind.
Horizont: kurzfristigStatus: In DiskussionEin erheblicher Teil der Rettungsdiensteinsätze ist medizinisch keiner: fehlgeleitete Hilfesuchende, für die der Notruf die letzte erreichbare Anlaufstelle ist. Eine strukturierte Kooperation mit der Kassenärztlichen Vereinigung und ein Frequent-User-Management leiten diese Fälle in die richtige Versorgung — und geben dem Rettungsdienst seine Kernaufgabe zurück.
Horizont: mittelfristigStatus: PilotphaseDer Blackout vom Januar 2026 hat bewiesen, was die Expertenkommission KRITIS Berlin analysiert hat: Ohne Feuerwehr keine Krisenbewältigung. Chief Resilience Officer, Lage- und Krisenzentrum und Resilienzhubs müssen gesetzlich verankert und im Haushalt unterlegt werden — mit der Feuerwehr als operativem Kern.
Horizont: mittelfristigStatus: Bericht liegt vorBerlin bewirbt sich um die größten Ereignisse der Welt — mit einer Feuerwehr, deren Schutzzielerreichung in der Brandbekämpfung bei 88,9 % liegt. Wer Expo 2035 und Olympia 2036 will, muss die Gefahrenabwehr-Kapazitäten dafür jetzt planen und finanzieren, nicht im Bewerbungsjahr.
Horizont: bis 2051Status: Nicht begonnen
Kapitel 4
Horizont 2051
Im Jahr 2051 wird die Berliner Feuerwehr 200 Jahre alt — die älteste Berufsfeuerwehr Deutschlands, gegründet 1851, gewachsen mit ihrer Stadt durch Kaiserreich, Teilung und Wiedervereinigung. Dieses Jubiläum ist mehr als ein Datum: Es ist ein Planungshorizont.
Eine Stadt, die weiß, wo sie 2051 stehen will, kann heute die richtigen Entscheidungen treffen. Die Wachen, die dann gebraucht werden, müssen jetzt geplant werden. Das Personal, das dann führt, wird jetzt ausgebildet. Die Resilienz, die dann trägt, wird jetzt gebaut.
- 2026
Weichenstellung im Abgeordnetenhaus
- 2035
Expo Berlin
- 2036
Olympische Spiele
- 2051
200 Jahre Berliner Feuerwehr