Eine Denkschrift zur Zukunft der Berliner Feuerwehr

Berlin wächst. Die Gefahr wächst mit.

558.293 Einsätze hat die Berliner Feuerwehr im Jahr 2025 bewältigt — ein Plus von 4,9 % gegenüber dem Vorjahr. Alle 56 Sekunden rückt ein Fahrzeug aus.¹ Die Stadt von morgen fährt mit der Infrastruktur von gestern.

Kapitel 1

Die Schere

Die Nachfrage nach Hilfe wächst Jahr für Jahr — die Infrastruktur, die sie leisten soll, wächst nicht mit. Das ist die Schere, die sich seit einem Jahrzehnt öffnet.¹

Divergenz 2015–2025Liniendiagramm: Bevölkerung und Einsätze steigen von Index 100 auf etwa 135, während Wachen und Fahrzeuge bei etwa Index 95 bis 100 stagnieren.14012010080201520172019202120232025EinsätzeBevölkerungWachenFahrzeuge
Illustrative Darstellung 2015–2025: Bevölkerung und Einsatzaufkommen steigen, Wachen- und Fahrzeugbestand stagnieren.¹

Das ist keine Personalklage. Es ist eine strukturelle Lücke — zwischen einer Metropole von morgen und einer Infrastruktur von gestern. Wer sie nicht schließt, entscheidet sich dafür, dass Hilfe später kommt.

Kapitel 2

Der Präzedenzfall

Im Januar 2026 legte ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke Teile des Berliner Südwestens lahm. Bis zu 100.000 Menschen waren betroffen; in Teilen von Steglitz-Zehlendorf blieb der Strom tagelang aus.³ Aufzüge standen still, Heizungen fielen aus, Pflegebedürftige waren von der Außenwelt abgeschnitten — und wer half vor Ort, koordinierte, evakuierte, beruhigte? Die Feuerwehr.

Es war nicht das erste Mal. Schon der Stromausfall in Köpenick 2019 hatte über 30 Stunden lang gezeigt, wie dünn die Decke der städtischen Daseinsvorsorge ist, wenn eine einzige Infrastruktur ausfällt. Damals wie 2026 galt: Die Feuerwehr ist das operative Rückgrat der urbanen Resilienz. Sie ist die Organisation, die noch funktioniert, wenn sonst nichts mehr funktioniert.

„Die Feuerwehr ist die Organisation, die noch funktioniert, wenn sonst nichts mehr funktioniert.“

Die Expertenkommission KRITIS Berlin hat aus diesen Ereignissen die Lehren gezogen und konkrete Strukturen vorgeschlagen.² Die Analyse liegt vor. Was fehlt, ist nicht Erkenntnis — es sind Finanzierung und Umsetzung.

  • Chief Resilience Officer

    Eine zentrale Verantwortlichkeit auf Senatsebene, die Resilienz ressortübergreifend steuert statt sie zwischen Verwaltungen zu zersplittern.

  • Lage- und Krisenzentrum

    Ein permanent besetztes Lagezentrum des Landes Berlin, das im Ereignisfall sofort führungsfähig ist — nicht erst nach Stunden improvisierter Stäbe.

  • Resilienzhubs

    Stadtteilstützpunkte, die bei Ausfall kritischer Infrastruktur Anlaufstelle, Notstrom, Kommunikation und Erste Hilfe für die Bevölkerung bündeln.

  • Kiezbox 2.0

    Dezentrale, autark funkende Notfall-Kommunikationsknoten im Kiez, die auch bei Strom- und Netzausfall den Kontakt zur Bevölkerung halten.

Kapitel 3

Sieben Forderungen

Aus den Daten der Einsatzchronik und den Lehren des Präzedenzfalls folgt eine konkrete Agenda. Sieben Punkte, adressiert an Senat und Abgeordnetenhaus.

  • Während die Zahl der Einsätze 2025 um 4,9 % auf 558.293 stieg, ist das Wachennetz seit Jahrzehnten nahezu unverändert. Wachstumsbezirke wie Pankow, Lichtenberg und Spandau brauchen neue Standorte, Bestandswachen einen verbindlichen Sanierungsfahrplan — sonst verfehlt Berlin seine Schutzziele dauerhaft.

    Horizont: bis 2051Status: Nicht begonnen

Kapitel 4

Horizont 2051

Im Jahr 2051 wird die Berliner Feuerwehr 200 Jahre alt — die älteste Berufsfeuerwehr Deutschlands, gegründet 1851, gewachsen mit ihrer Stadt durch Kaiserreich, Teilung und Wiedervereinigung. Dieses Jubiläum ist mehr als ein Datum: Es ist ein Planungshorizont.

Eine Stadt, die weiß, wo sie 2051 stehen will, kann heute die richtigen Entscheidungen treffen. Die Wachen, die dann gebraucht werden, müssen jetzt geplant werden. Das Personal, das dann führt, wird jetzt ausgebildet. Die Resilienz, die dann trägt, wird jetzt gebaut.

  1. 2026

    Weichenstellung im Abgeordnetenhaus

  2. 2035

    Expo Berlin

  3. 2036

    Olympische Spiele

  4. 2051

    200 Jahre Berliner Feuerwehr